Der Ausdruck “Lebenslanges Lernen” (lifelong learning) ist ein wahrer Trendsetter: Kaum eine kulturelle Nische, die nicht von ihm betroffen wäre. Pädagogen, Wirtschafts- und Sozialforscher sind sich schon lange einig: Das 21. Jahrhundert wird dem noch recht jungen Informationszeitalter ein Zeitalter des Lernens und der Bildung hinzugesellen: Frühbildung, Schulbildung, Ausbildung, Hochschulbildung, Berufsbildung, Weiterbildung, Fortbildung, Umschulung… das Leben, so der Tenor, wird aus ständigem Lernen bestehen. Was so manche Schlagzeile als vermeintlich Aufsehen erregende Neuigkeit zu präsentieren versucht, ist im Kern ein alter Hut – zumindest im (Fremd-)Sprachen Lernen.
Sprache ist etwas sehr dynamisches, denn nie käme man an einen Punkt, an dem man mit Fug und Recht behaupten könnte, sie gemeistert zu haben. Eine Sprache zu beherrschen heißt immer auch am Ball zu bleiben, mitzuhalten, jeden Tag in ihr etwas Neues zu entdecken. Aber nie steckt in dieser Beherrschung eine Perfektion, da es die Vollendung des Sprachen Lernens nicht geben kann. Nicht in unserer Muttersprache, und noch weniger in einer Fremdsprache. Ständig lernen wir neue Begriffe dazu, probieren grammatische Muster, verfeinern Wortwahl, Aussprache und semantische Konzepte. Und immer lernen wir dabei oder reorganisieren bereits Gelerntes. Im Grunde genommen sind und waren wir schon immer lebenslang Lernende (lifelong learners). Das Bewusstsein um diese Tätigkeit jedoch entwickelt sich meist erst beim Erlernen einer Fremdsprache. Was wir also unbewusst als selbstverständlich hinnehmen, ist für unseren Körper etwas Selbstverständliches. Die menschliche Kognition ist nämlich perfekt auf die lebenslange Aufgabe des Spracherwerbs (bzw. der Sprachentwicklung) ausgelegt – und das nicht nur in jungen Jahren, wie Sprachtests an Erwachsenen zeigen.
Jenseits der Kritischen Phase bedeutet Spracherwerb harte Arbeit
Der Spracherwerb (im Folgenden ist damit der Fremdspracherwerb eingeschlossen) ist also niemals abgeschlossen, wie in der Fachliteratur doch oft suggeriert wird. Tatsächlich gibt es einen Punkt im Leben (die sogenannte Kritische Phase), meist zwischen dem sechsten Lebensjahr und der Pubertät, jenseits welchem der Spracherwerb eine andere Qualität annimmt und weit weniger effizient ist. Ab diesem Alter ist es dem Menschen nicht mehr möglich, irgendeine Sprache auf dem Niveau einer Muttersprache zu erlernen. Die bereits im Kern erworbene Muttersprache wird jenseits dieser Schwelle konstant verfeinert, neue Fremdsprachen können erworben und ebenfalls ausdifferenziert werden, aber das alles geschieht längst nicht mehr mit der Effizienz eines kindlichen Erwerbsautomatismus. Jenseits der Kritischen Phase, das wissen Fremdsprachen-Lernende, Lektoren und Dolmetscher nur zu genau, bedeutet Spracherwerb harte Arbeit.
Sprache ist wie ein Muskel, der verkümmert, wenn er nicht gefordert wird
Muttersprache und Fremdsprache wollen wie ein Muskel trainiert werden. Und wie beim körperlichen Training erfolgt der Substanzaufbau über regelmäßiges Üben und Wiederholen. Ein Aufbau über Nacht ist unmöglich, vielmehr erfordert er Durchhaltevermögen und Disziplin. Was längere Zeit nicht gefordert wird, verkümmert – ein Prozess, der in der Fremdsprache (dem kleineren Muskel) immer stärker und schneller vonstattengeht als in der Muttersprache (dem größten und am stärksten aufgebauten Muskel). Aber auch in Letzterer greift der Prozess der Verkümmerung und Rückbildung früher oder später. Im Gegenzug ist es die Fremdsprache, in der wir ein Fortschreiten (den Substanzaufbau) am ehesten wahrnehmen.
Die Metapher des Muskels für den Spracherwerb ist auch in anderer Hinsicht ein treffender Vergleich: Wie beim Muskelaufbau immer mehrere Muskeln oder selbst Muskelpartien einzeln trainiert werden müssen, damit sie ein funktionierendes Zusammenspiel ermöglichen, so erfolgt auch der Spracherwerb stets auf mehreren Ebenen in Kraft zehrenden Einzelübungen: Wortschatz, Satzbau, Aussprache, Pragmatik – sie alle wollen einzeln trainiert werden. So wie der professionelle Sportler jede einzelne Faser seiner Muskeln trainiert, so muss jedes Wort, jeder Laut, jede Konstruktion, jede Bedeutungsnuance einzeln gelernt und immer wieder geübt werden. Erst wenn die einzelnen Muskeln weitestgehend gut trainiert worden sind, ist auch ein Training im Zusammenspiel möglich.
Diese harte Arbeit zahlt sich aus: Mit den ersten verbalen Klimmzügen lernen wir unsere Sprachen besser kennen, veredeln jedes Wort und differenzieren jedes Wortfeld bis zur Genugtuung. Mit jedem weiteren Zug bemerken wir, dass wir mehr zu stemmen in der Lage sind, dass wir auf dem bereits Erworbenen aufbauen können. Fortan treibt uns der Wille, diesem immer schwerfälliger (weil ertragsärmer) werdenden Prozess des Substanzaufbaus noch mehr Übung und Wiederholung entgegenzusetzen.
So hervorragende Dienste die Metapher des Muskels für die Veranschaulichung des Spracherwerbs geleistet hat, eines vermag sie nicht zu verdeutlichen: Dort, wo der Sportler an die physische Grenze seines Muskelaufbaus kommt, sind dem Sprachen-Lernenden noch längst keine Grenzen gesetzt. Zwar gibt es auch im Fremdspracherwerb ein Phänomen (die sogenannte Fossilisierung), wonach sich der Substanzaufbau an eine individuelle, maximal erreichbare Qualität annähert, doch handelt es sich hierbei aller Vermutung nach nicht um eine zwingende, physische Grenze, weshalb der Aufbau durch gezielte Umstellung des Trainings sowie neuer Impulse oft doch noch fortschreiten kann.
Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
— Wittgenstein
Die Früchte der harten Arbeit erntet, wer sich ein Leben lang dem intensiven, disziplinierten Erwerb einer Sprache stellt. Er wird im Stande sein, Bedeutungsnuancen auszudrücken und zu verstehen, die für andere bestenfalls nebulös erscheinen. Er wird eine Grenzerfahrung machen und Dinge stemmen können, zu denen andere nicht in der Lage wären. Er wird damit gleichzeitig seine Sinne, seine Wahrnehmung der Realität schärfen. Er wird, im wahrsten Sinne des Wortes, seinen Horizont erweitern. Und er wird verstehen, was Wittgenstein meint, wenn er sagt: “Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
